Adventurer...

...auch andere Mütter haben schöne Töchter - Reisemobile anderer Hersteller
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chrihand
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Adventurer...

Beitrag von chrihand »

Ja, was ist denn das nun wieder?

Adventure?

Das ist ein nordamerikanischer Hersteller für Pick-Up Aufbauten.

Für unsere lange geplante Reise durch den Yukon stellt sich ja nun eher weniger die Frage ob man den alten Hymer verschifft.
Einerseits dauert das zu lange und ist viel zu teuer für nur vier Wochen Urlaubszeit. Und man müsste von Halifax erst einmal durch das ganze Land bis zum Yukon fahren.
Für die geplante Strecke mag ein 409D dann durchaus geeignet sein. Aber nur als Pritsche!
Und man hätte freilich viel...sehr viel länger gebraucht.

Also mietet man einen Truck Camper vor Ort.
Das ist in diesem Fall ein Ford F-350 Modell 2023.
Satte 475PS bei 1300Nm stemmt der V8 Diesel auf ein 10-Gang Automatikgetriebe und bringt das per Allrad auf den Schotter.
3,5to wiegt alleine der Pick-Up. Bis zu 13to dürfte man als Gooseneck-Sattelanhänger da dranhängen! Was man dort auch macht...

Da drauf kommt der leer exakt 1224,7 kg wiegende Camperaufbau in Alkovenbauweise.
Den könnte man theoretisch jederzeit irgendwo abstellen, was man aber BITTE nicht machen sollte. Bitte hierbei in Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen gesprochen.

Die Ausstattung fasziniert und erschreckt gleichermaßen...zumindest wenn man selbst einen 1984 650-CL hat.

Die gewaltigen Fahrzeugausmaße (zum Ölstand prüfen muss man auf die Stosstange steigen!) lassen entsprechende Größe im Aufbau zu.
Dennoch geht es am Einstieg etwas Eng zu. Links die Küche, rechts die Dinette, aber das ist im Hymer auch nicht anders. Das Alkovenbett ist breit
und aufrecht im Bett sitzen ist auch kein Problem.

Die Nasszelle ist aus einem Stück und damit man darin stehen kann wölbt sich das Dach entsprechend aus. Milchglasoptik macht entprechend hell.
"Die Schüssel" hat normales Maß, Duschen geht da drin auch ganz passabel. Nur der Abluftventilator ist für Offroad nicht wirlich geeignet.
Der wird nach aussen geschoben, ggf. dann akiv betrieben. Springt gerne mal auf bei Erschütterung. Soweit kein Problem, aber mies konstruiert.
Eine Aussendusche ist natürlich Standard. Klappe auf und los. Mit eigener Brause versteht sich. Da wäre auch ein "Stadtwasseranschluss" vorhanden. RV-Campgrounds haben
viele Stellplätze mit Strom / Wasser / Abwasser. Wers braucht...

Warmwasser gibts natürlich auch. Habe ich ein paar mal angeheizt. Bekennender Warmduscher! Der Boiler ist ziemlich effektiv. 5-8 Minuten reichen da aus um angenehm warm eine Kurzdusche
zu haben.
Heizen kann man das Ding natürlich auch per Warmluft. Leute Leute!
Das Thermostat von Dometic(!) hab ich so noch nie gesehen. Und wenn einer meiner Jungs mit sowas ankäme...kopfüber am Fahnenmast aufgehängt wäre noch sehr human!
Sowas hab ich noch nicht gesehen. Technisch ein Bimetall-Thermostat. Unten ein Thermometer für das IST. Und ein Hebel für Soll. Oben ein Schalter. Das sieht nicht nur billig aus.
Das IST billg, aber sowas von. Und mein 1984er Hymer macht das per elektronischem Regler.
Die Heizung selbst kennt nur EIN oder AUS. Ein heisst: VOLLE KANNE GEBLÄSE: Unfassbar laut.
Immerhin ist sie effektiv. Wir haben nur dreimal kurz geheizt als es einstellige Temperaturen aussen hatte. Lieber dick anziehen als diesen Lärm zu ertragen.
Da lobe ich mir die alte Gebläseheizung im Hymer! Glücklicherweise war es ansonsten deutlich über 20°C warm. (max. 35°C)

Und die Kühlung? Dometic, natürlich.
Eine Kühl-Gefrier Kombi, mit beachtlich großem Gefrierfach. Da hab ich mir immerhin mal eine Tiefkühlpizza eingelagert. Dekadenz in der Wildnis.
Der Kühlschrank ist normal groß. Funktioniert hat das alles wirklich gut.
Aber man kann nur per Gas oder Landstrom kühlen. Das ist ziemlich doof, wenn man 6-8h am Tag fährt und den Rest im Nirgendwo steht.
12V Betrieb geht nicht. Das Fahrzeug hatte einen 400W Wandler, aber ich war zu faul da was zu basteln. Also nur auf Gas gelaufen.
Der "Kamin" geht hier übrigens über das Dach. Da braucht man keinen Lüfter, der natürliche Zug reicht völlig aus. Gut gelöst!

Gekocht werden muss auch. Natürlich Dometic.
Ein dreiflammiger Herd. Ziemlich blöd genaugenommen.
Die Kochstellen sind alle gleich groß. Entsprechende Töpfe bekommt man zu dritt nicht hin. Kleine Töpfe stehen schief. Megageniale Konstruktion...siehe oben.
Natürlich gibt es eine Backröhre. Ausser für die Pizza nicht verwendet, aber das ist ja persönliche Einstellung.
Da drin gibts auch eine Lampe. Und die vier Drehknöpfe sind beleuchtbar. Zumindest der Aussenring. Bringt überhaupt gar nichts ausser Show. Unfassbar sinnlos...siehe oben.
Obendrüber ein Dunstabzug. Der funktioniert sehr gut.
Abgespült wird in zwei Becken. Ob man zwei braucht sei dahingestellt.
Die optionale Mikrowelle war zum Glück nicht vebaut. Könnte man ja wieder nur per Wandler oder Landstrom benutzen und braucht keine Sau. Stattdessen Staufach.
Die Dinette gegenüber ist völlig ausreichend für zwei Personen. Mehr sollen in diesem Modell ja auch nicht wohnen.

Einen Fernseher gibt es nicht. Der wäre auch sinnlos in dieser Gegend. Wer ohne sowas nicht klarkommt hat einerseites den Urlaub in Kanada nicht verdient und meiner Meinung nach
Wohnmobilieren auch nicht verstanden.
Musik könnte man hören, sogar per Bluetooth und mit Aussenlautsprechern. Das "Soundsystem" würde hier in Europa nicht einmal Pearl anbieten. Grottig! Gute Idee lausig umgesetzt, aber sowas von.
Apropos aussen: eine elektrische Markise ist Serie. Mit LED-Beleuchtung.

Achja, Licht. LED Deckenstrahler sind strategisch gut verteilt. Braucht man allerdings bei Mitternachtssonne dann eher weniger.
Strom liefert im Stand ein 100W Solarpanel (180Ah Batterie) an einem Laderegler (auch über Dometic vertrieben), dessen Entwickler ...siehe oben. Immerhin hat der Hersteller schon erkannt, dass die BT-Schnittstelle irgendwie nicht funktioniert und der Rest auch eher so 1980er Stand hat.
Enttäuscht hat mich, dass es nur eine 12V Steckdose gab, hinten am Bett. Tablet laden und so. Vorne gab es nur 110V Steckdosen. Was ja nix bringt wenn man keinen Landstrom hat.
Da bin ich aber nicht sicher ob man das kundenspezifisch bestellen kann. So jedenfalls war es suboptimal.
Aber vorne im Fahrzeug kann man dafür an zahlreichen Steckdosen USB, 12V und 110V die Akkus laden.

Stauraum gibt es innen reichlich. Da bekommt man alles unter. Von Aussen hat man nur eine Schublade unter dem Einstieg, da passen zwei Faltstühle und die obligatorische Axt rein. Und ein
Staufach für Kabel und Schlauchwerk, Putzeimer usw. Und natürlich Gas- und Batteriekasten.
Man darf natürlich nicht vergessen, dass das Fahrzeug auch noch da ist. Bei hochgeklappter Rücksitzbank hat man dort mehr Stauraum als jeder aktuelle deutsche Kombi bietet!

Riesennachteil aller Klappen und Türen: sie sind so liedschäftig, dass die Entwickler....siehe oben.
Wer immer mit sowas unterwegs ist und auf Schotter fahren will: Malerkrepp kaufen und die Türspalte abkleben. IMMER. GRÜNDLICH!
Und die Batterie aus dem Rauchmelder nehmen vor der Fahrt!
Die Dachluken sind ok. Über dem Bett ist eine HEKI. Ja, Made in Germany. Eine Luke hat einen Ventilator (nach aussen).
Leider waren in unserem Mobil diese styischen Windabweiser montiert. Das macht jeder wie er will und die sind offensichtlich sehr beliebt.
Vorteil: man kann die Luke während der Fahrt offen lassen und es zieht dann Luft durch. Nachteil: die gibt es auch in Schwarz. Was leider montiert war. Kommt leider kein Licht durch die Luken.
Glücklicherweise war die Heki ohne so ein Ding.

Die Nordamerikaner sind diesbezüglich ein seltsames Volk. Einen Camper könnte man mit solchen Komponenten und Details hier nicht verkaufen.
Da ist in einigen Dingen mein 1984er Hymer wesentlich moderener! Und auch wertiger.
Das zeigte sich auch im Fahrzeug selbst. Nagelneu und in vielen Dingen einfach nur krass Rückständig.
Schon alleine die Luftdüsen, die man zwar in der Richtung aber nicht in der Stärke einstellen kann. Das riesige Mittelstaufach, da passt fast eine Bierkiste rein, ist nicht klimatisiert. Im Amiland!
Dafür könnte man aber Satellitenradio empfangen (was leider mit dem Aufbau über der Antenne nicht ging).

Ein paar Eckdaten:
Frischwasser: 159l
Gas: 18kg (das reichte für die vier Wochen!)
je 113l Grau / Schwarz

https://www.adventurercampers.com/adventurer-86fb

Und für die Statistik:
Hymer 650CL auf MB 409D (88PS) Automatik: 16l / 100km auf BAB und Bundesstrasse bei max 85km/h
Ford F-350 6,7l Powerstroke Diesel (475PS) mit Camperaufbau: 15,2l /100km auf überwiegend Schotter mit 70 - 90km/h

Wer auf sowas Lust hat: Der Yukon lässt sich idealerweise von Mitte Juni - Juli bereisen.
Als Verleiher empfehle ich Fraserway. Die sind einfach Spitze (nun schon zum dritten Mal).
Impressionen auf Anfrage

Gruß
Ralf
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beder
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Re: Adventurer...

Beitrag von beder »

Hallo Ralf,

du sprichst mir aus der Seele. Ich hatte 1989 das erste mal Kontakt mit Nordamerikanischen Wohnmobilen, damals hatte ich noch keinen Vergleich zu Europäischen Fahrzeugen. Im Jahr 2010 unternahm ich mit meiner Familie eine Rundreise durch den Westen der USA mit einem Leihmobil von Cruise America, der von 1989 war auch von denen. Als ich das Fahrzeug in der Verleihstation in Seattle abholte, traute ich meinen Augen nicht. Der Aufbau war identisch mit dem aus 1989, lediglich das Fahrgestell war neueren Datums. Ich war fassungslos und frustriert. Der einzige Unterschied bestand in einem kleinen (90W) Solarpanel, damit der Anschein von Autarkie gewahrt wurde. Im Jahr 2015,2016 und 2018 hatte ich nochmal das Vergnügen mit amerikanischen Wohnmobilen. Durch die kürzere Zeitspanne konnte ich jetzt überhaupt keine Unterschiede mehr feststellen. Lediglich der Camper in 2016 hatte eine Markise, der war auch von einer anderen Verleihfirma. Wenn man sich mal die Mühe macht und einen Wohmobilhändler dort aufsucht und sich die Fahrzeuge ansieht, dann kosten dort vergleichbare Fahrzeuge zu unseren knapp das doppelte. Unter 200K$ ist da kaum was vernünftiges zu bekommen. Selbst für einen RAM-Kastenwagen wollen die 170K$ und überall kommt dann noch die TAX dazu. Wenn wir hier eine sinkende Qualität bei den Herstellern feststellen, dann sind unsere Fahrzeuge immer noch um Welten besser als die dort. Wollen wir hoffen, dass das noch lange so bleibt.....

VG
Bernhard
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Re: Adventurer...

Beitrag von allhie »

Hallo Ralf,

Vielen Dank für den interessanten Bericht über dein Leihfahrzeug in Amerika.
Und irgendwie erschreckend. Hätte ich mir „moderner“ vorgestellt.

Dann schätzt man das eigene „Alte“ noch ein bisschen mehr.

LG Allhie
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Sigi
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Re: Adventurer...

Beitrag von Sigi »

Ich habe einige Jahre in Kanada gelebt und mir dort ein einheimisches Wohnmobil gekauft, mit dem ich den gesamten Kontinent bereist habe.
Ja, die Technik ist durchweg rustikal, aber funktioniert und jeder Dorfschmied kann alles reparieren. Und natürlich hat man auf 9,50m viel Platz zum Leben und Lümmeln in großzügigem Mobiliar. Den Durst des V8 Benziners konnte man damals noch locker bezahlen.
Ich möchte den American way of life nicht missen, aber für unsere Verhältnisse taugen diese Fahrzeuge natürlich nicht.

Gruß
Sigi
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chrihand
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Re: Adventurer...

Beitrag von chrihand »

Hallo Sigi,

das mit der Funktion ist so eine Sache.
Mit dem ersten Mobil sind wir nach 50km umgedreht, der Kühlschrank funktionierte nicht.
Da der Wechsel des Kühlschranks im Truck Camper die Demontage u.a. des Türrahmens der Einstiegstür bedingt (!) hat uns Fraserway gleich ein anderes Fahrzeug gegeben. Sie sind ja alle gleich.
Es stellte sich als defekte Elektronik heraus. Macht Mut nach nur 5 Monaten Einsatz.

Der Boiler sitzt direkt hinter einer der Aussenklappen. Dort bläst ein Gasventil direkt in ein Rohr hinein, in dem dann verbrannt wird. Perfektes Insektenhotel.
Zugegeben, das ist am Truma-Boiler auch ein Punkt, aber dort nicht ganz so direkt.

Wie im Fahrzeug auch läuft im Camper alles mit Strom und Elektronik.
Auf dem Dempster geht das noch, da bleibt man nicht wirklich lange alleine. Auf anderen Strecken aber haben wir bis zu 4 Tage niemanden gesehen.
Da möchte ich keinen Defekt an der Bordelektronik haben. Denn die kann auch der Dorfschmied nicht reparieren.
Nebenbei: zwei Motorradfahrer mussten umdrehen, da bei einem der Batteriepol abgebrochen war. Die lokale Werkstatt hat in den Stumpf ein Gewinde geschnitten und damit
konnte man zumindest Richtung Heimat humpeln. Der Traum vom Dempster war damit vorbei. Eine passende Batterie war in 1000km Umkreis nicht ohne längere Wartezeit (2 Wochen) aufzutreiben.


Mich vewirrt dieser große Gegensatz von Old-School billig und moderner Technik. Die Heizung ist vollelektronisch, aber das Thermostat so ein richtig uraltes Teil.
Der EIN-Schalter geht unglaublich schwer, ich hatte wirklich Angst der Hebel bricht ab.
https://www.dometic.com/en-us/outdoor/r ... ack-117589

Der Kühlschrank hat eine elektronische Steuerung, die Temperatur kann man trotzdem nicht einstellen, man könnte höchstens den Fühler etwas rauf oder runter schieben am Wärmetauscher.
Naja, mein uralter Dometic läuft ohne Strom und ist einstellbar.

Der Solarladeregler kann sogar zwei Batterien mit separatem Anschluss handhaben.
Zeigt den Ladezustand aber nur abhängig von der Spannung an. So wird aus 100% dann schlagartig 30% wenn die Heizung brummt.
Und dann wieder 90% wenn sie aus ist. Dabei misst das Ding auch die Energiemenge...
https://gopowersolar.com/products/30-am ... bluetooth/

Solche Sachen halt...

Aber davon abgesehen: war ne tolle Reise

Gruß
Ralf
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